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Der
Vogel unter der Zunge
Roman
Josan Hatero
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
Frühjahr 2004
Leseprobe:
26
„Noch
einen kleinen Joint?" fragt Despiadado, der schon ziemlich
breit ist.
„Es ist dein Stoff"„ antwortet Segelohr lächelnd.
„Mach mir ein Mundstück."
Sie sitzen ohne Licht auf dem Fußboden des Waschraums, und
während die anderen Soldaten in ihren Betten liegen, haben
sie die Flasche Wein geleert, die sie, wie schon in den Nächten
davor, aus der Küche gestohlen haben.
Segelohr dreht im Zwielicht geschickt einen Joint. Despiadado beobachtet
ihn begehrlich, er kann es kaum erwarten; er wäre dazu fähig,
den Fussboden abzulecken, wenn man ihm verspräche, daß
ihn das high machen würde.
„Mach ihn schön stark."
Segelohr zündet den Joint an, er nimmt zwei schnelle Züge
und gibt ihn an seinen neuen besten Freund weiter, der ihn zwischen
die Lippen steckt und gierig raucht. Er öffnet den Mund und
läßt den Rauch langsam entweichen. Er lehnt seinen Kopf
zurück, bis er die Decke über seinen Augen sehen kann.
„Ich wäre gern wie der Rauch, weißt du?" bemerkt
er. „Der Rauch steigt immer nach oben und entkommt."
Segelohr steht auf; seine Beine zittern leicht; er spürt, daß
seine Knie aus dem Rauch sind, von dem sein Freund spricht. Durch
eine der hohen Fensteröffnungen, die ihnen als Belüftung
dient, kann er Wolkenfetzen sehen, die wie Gespenster langsam über
den nächtlichen Himmel gleiten.
„Letzte Nacht hatte ich einen sehr seltsamen Traum„,
sagt er, ohne sich umzudrehen. Despiadado scheint ihm nicht zugehört
zu haben, als würde der Akt des Rauchens seine volle Aufmerksamkeit
beanspruchen. „Ich habe geträumt, daß ich in mein
Viertel zurückkehre, aber niemand hat mich erkannt. Ich bin
zu meinen Kumpels gegangen, zum Billard spielen; aber ich war für
die ganze Welt unsichtbar. Ich habe mit ihnen geredet, aber sie
haben mich nicht gehört, und ich konnte sie weder berühren
noch irgendwie auf mich aufmerksam machen. Ein ziemlich beschissener
Traum."
„Träume haben ihre Bedeutung, weißt du? Jeder Traum
hat seinen Grund", sagt Despiadado nachdenklich. Seine Stimme
ist rauh, als wäre er gerade erwacht.
„Und welche Bedeutung hat mein Traum?"
Despiadado nimmt einen langen letzten Zug von dem Joint.
„Du rauchst ja die Pappe, Alter", warnt ihn Segelohr.
„Ja und?"
Segelohr lacht. Dann knöpft er seinen Hosenschlitz auf und
stellt sich vor ein Pissoir.
„Ich muß pinkeln", verkündet er.
„Bist du sicher, daß du die Bedeutung deines Traums
wissen willst?" fragt ihn Despiadado.
Segelohr dreht sich zu ihm um.
„Na klar", sagt er.
„Na gut. Ganz schön mutig. Ein Mann muß sich seinem
Schicksal stellen können."
„Was weißt du von Traumdeutung?"
„Ich habe Bücher gelesen. Und ich habe eine Tante, die
Wahrsagerin ist", lügt Despiadado.
Segelohr lacht erneut.
„Im Ernst?"
„Darauf kannst du dein Scheiß Leben verwetten",
bekräftigt Despiadado. „Sie hat mir beigebracht, wie
man Träume entschlüsselt und einen Fluch ausspricht."
„Was quatscht du da? Du willst mich wohl verarschen."
„Ich möchte augenblicklich tot umfallen, wenn das gelogen
ist!" provoziert ihn Despiadado entrüstet.
Für ein paar Sekunden tritt Stille ein, in denen Segelohr seinen
Freund fixiert, als erwarte er, daß dieser vom Blitz getroffen
wird.
„Sag mir etwas über meinen Traum."
„Es ist ganz einfach", sagt Despiadado, während
er sich auf dem Fußboden mit den orangefarbenen Kacheln niederläßt.
„Du wirst an der Front sterben. Du wirst nie zurückkommen.
Deshalb sieht dich niemand, weil du tot bist. Kadaver. Leiche. Hinüber."
Segelohr, der schon mit einer solchen Deutung seines Traum gerechnet
hat, wird schwindlig, als er sie aus dem Mund seines Freundes hört,
und er läßt sich mit dem Rücken gegen die Wand ebenfalls
zu Boden gleiten.
„Mach dir nichts draus", sagt Despiadado. „Ich
werde ebenfalls sterben. Du wirst nicht allein fallen."
„Glaubst du das wirklich?"
„Ja, verdammt. Was glaubst du, wozu sie diesen Krieg angezettelt
haben? Der eigentliche und entscheidende Grund für diesen Krieg
ist, uns zu töten", er betrachtet das Gesicht von Segelohr,
der mühsam schluckt, so als würde er seine Zukunft verschlingen.
" ... Hör mal, dreh noch einen, oder?"
„Es ist kein Stoff mehr da."
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