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Überall
Blut
Roman
Rafael Reig
Verlag Rogner & Bernhard, Hamburg
Herbst 2003
Leseprobe:
Als Zuhause bezeichnete ich zwei Zimmer
in einer der sechs Giebelwohnungen eines Gebäudes in der Calle
San Marcos. Ein Mansardenstudio, das von der Stadtplanung für
unveröffentlichte Schriftsteller vorgesehen war.
Mehrere Generationen von armseligen Schreiberlingen hatten in diesen
Wänden von ihrem Ruhm geträumt. Das war nicht zu übersehen.
Überall gab es unauslöschliche Spuren all der fruchtlosen
Bemühungen. Das Parkett knarrte, erschöpft davon, das
Gewicht der Vergeblichkeit tragen zu müssen. Sobald man das
Licht ausmachte, krochen aus dem Abfluss im Badezimmer penetrante
Insekten: schillernde Metaphern, die sich über die Kacheln
schleppten, Halbverse aus zusammengesetzten Augen, Prosafragmente
mit matten Panzern, Hexameter mit acht Beinen, mit den Fingern abgezählt...
Es war ekelhaft, ja, wirklich, aber die Miete war günstig,
und ich habe keine Manien. Der Hausbesitzer musste damit runter
gehen, weil es dem vorherigen Mieter, Carlos Viloria, eingefallen
war, sich in situ umzubringen, und danach wollten die anderen Schriftsteller
die Wohnung nicht nehmen. Sie sind ja so sensibel. Als ich einzog,
war noch immer die mit Kreide umrissene Silhouette seines Körpers
auf dem Boden.
Jetzt, fünf Jahre später, hat sich Viloria nach der postumen
Veröffentlichung von Die tiefe Taubheit, einem modernen Klassiker,
in einen Mythos verwandelt, das kritische Bewusstsein unseres
Jahrhunderts". Ich glaube, dass die Kinder es bereits als Pflichtlektüre
in der Schule lesen.
Abgesehen von den unverwüstlichen Insekten hatte er in der
Wohnung ein paar Farbdrucke von Künstlern hinterlassen. Ich
wollte diese mürrischen Strichmännchen erst abhängen,
aber die Flecken auf der Wand wären noch hässlicher gewesen.
Fat G. Iribarren, mein Kritikerfreund, versah sie eines Tages mit
Titeln; scheinbar war einer der Heilige Baudelaire, ein anderer
der Heilige Gabo und die anderen beiden waren Aufnahmen vom Heiligen
Rubén Darío. Sie blieben also an Ort und Stelle, ich
bin nicht so empfindlich . Ich stellte meine paar Sachen hinein
und richtete mich mit einer Kiste Loch Lomond, einem Schachbrett
und einen Korb voll trauriger Erinnerungen ein.
Der Ort war genauso gut wie jeder andere: Man konnte ohne Licht
dasitzen und sich langsam betrinken, während es draußen
dunkel wurde.
Ich legte das Schachbrett zurecht und wiederholte Alekhine-Capablanca
(Buenos Aires, 1927), die zwölfte Partie um den Titel, ein
Meilenstein, was die Hartnäckigkeit von Intelligenz angeht.
Das Remis war vorhersehbar, aber keiner wollte aufgeben, so kamen
sie erschöpft auf 86 Züge.
Remis, natürlich. Es lag von Anfang an auf der Hand.
Ich schaltete das Licht aus und trank schweigend.
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