Treulosigkeiten
Erotische Erzählungen

Ana Rossetti
Konkursbuch Verlag, Tübingen
Frühjahr 1999

Leseprobe:

"In jener Nacht"


Im Abteil war es bereits dunkel. Eva blieb im Gang stehen und hielt dabei die Tür auf, während sie einen weg sondierte, der sie ohne Zusammenstöße auf ihren Sitzplatz führen würde. Doch vor ich versperrte eine Gestalt den Weg. Der Sitz auf der linken Seite war leer: Die Mulattin hatte sich, die Flanken von den Beinen des Studenten eingeklemmt, auf den Boden gekniet und wand sich wie ein Korb voll Schlangen. Was sie auch immer mit dem Kopf tun mochte, den sie in den Hosenschlitz des Studenten vergraben hatte, sie bereitete dem Jungen ein ganz besonderes Vergnügen. Eva versuchte vorsichtig, sich hinter den beiden verschlungenen Gestalten vorbeizuzwängen, aber die Frau bemerkte sie und erhob sich eilig: „Bitte sehr, meine Süße", sagte sie liebenswürdig.
Als sie sich aufrichtete, stellte Eva fest, dass sie unter dem gänzlich aufgeknöpften Minikleid kaum etwas anhatte: lediglich einen hüfthalter aus rotem Satin, der ein Paar lilafarbene Strümpfe hielt. Der dunkle Körper der Frau glänzte wie mit Öl eingerieben. Ihre Brüste ragten nach oben: Ihre großen und aufgerichteten Brustwarzen schmiegten sich an Eva, streiften für einen Moment ihren Ärmel und Eva spürte ihre Spannung, weich und fest zugleich, als wären sie zwei Gummikugeln.
Kaum hatte Eva sich hingesetzt, wollte die Frau ihre Beute zurückerobern, die ihrem Mund entkommen war, aber der junge Mann ließ es nicht zu. Er fasste sie bei den Hüften und zog sie zu sich heran. Die Frau verstand. Sie chob ihren Unterleib nach vorn und spreizte die Schenkel in Erwartung des Angriffs. Unter dem Glanz des Strumphalters kräuselte sich das Schamhaar, das auf die halb geöffneten und feuchten Lippen des jungen Mannes gerichet war. Der junge Mann beugte sich vor und verschmolz die sanfte Frische seines Mundes mit dem salzigen Brennen des Geschlechts der Frau. Seine Hände wanden sich wie Hermeline auf dem gewundenen Stamm des Mahagonibaums hinauf und umklammerten die festen Früchte ihrer Brüste.
Die Frau stöhnte sanft. Eva kauerte sich zusammen und schloss die Augen. Doch sie wusste genau, was neben ihr vorging.
Sie hörte das saugende Geräusch und erriet die Bewegungen der Zunge. Sie konnte dem Kreisen folgen, das die zitternde Klitoris der Frau umspielte, bis sie wie ein Fels zwischen Meereswellen aufgerichtet war. Sie konnte die Intensität und Beschleunigung der Bewegungen in der roten und geöffneten Vulva ermessen, in dieser reifen Frucht, die kurz davor war, aufzuspringen und ihre harten und mandelförmigen Samenkörner auszustreuen. Sie konnte den Moment bestimmen, in dem die Zunge des jungen Mannes den empfindlichen Punkt treffen würde, und wann sich die Beine der Frau anspannen würden, in der Erwartung, von einem Strömen mitgerissen zu werden, das die unerträgliche Leere zu füllen vermochte.

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