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Skorpione
im eigenen Saft
Roman
Juan Bas
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M.
Herbst 2004
Leseprobe:
BEKENNTNISSE VON FRANCOS VORKOSTER
9
Patxi Iramendi
brach seine Priesterlehre in Saturrarán mit neunzehn Jahren
ab, leistete seinen Militärdienst bei den regulären Streitkräften
in Sidi Dris, dem spanischen Protektorat von Marokko, und probierte
danach sein Glück in Lateinamerika. Er nahm mehrere Anläufe
in verschiedenen Ländern; er war Diamantensucher bei den Garimpeiros
in Brasilien, der Mann fürs Grobe bei einem reichen venezolanischen
Großgrundbesitzer, Söldner im kolumbianischen Bürgerkrieg,
Waffenschmuggler in Panama und Mörder für den CIA in Guatemala,
wo er bei einer Prügelei in einer Kneipe durch den Schlag mit
einer Flasche das linke Auge verlor. Dort in Guatemala hatte er
von dem Gift erfahren, das den längst überfälligen
Tod des Diktators herbeiführen sollte.
Offensichtlich war Onkel Patxi nicht gerade ein Mann mit festen
Grundsätzen war; er diente unter jeder Flagge und verdingte
sich bei jedem Geldgeber. Ich nehme an, er hätte sowohl bei
der Eta als auch bei der Fremdenlegion landen können. Wirklich
interessant, wie es ihm gelingen konnte, bei der Terroristenbande
eine solche Spitzenposition zu ergattern. Übrigens war das
Jahr 1962 das der Unabhängigkeit von Algerien, dem Land, wo
Patxi Iramendi fünfundzwanzig Jahre später sein Leben
lassen sollte, wenn auch auf andere Weise, als offiziell verlautbar
wurde.
(...)
11
Der Plan, den
Diktator zu töten, war einfach, aber nicht ganz ohne für
mich.
Mein Vater fungierte stets als erster Vorkoster, dann war ich unter
Francos aufmerksamen Blicken eine Stunde später dran.
Das Gift sollte ich ihm heimlich auf seinen Teller kippen, kurz
bevor ich eine Kostprobe nahm. Natürlich würde ich auch
vergiftet werden, hatte aber zehn Minuten Zeit, um das Gegengift
einzunehmen.
Das Gift stammt aus winzigen Pilzen, die von den Ceiba-Indios (Ureinwohner
Guatemalas, die von den Mayas abstammen) an der Sonne getrocknet
und zu Pulver zermahlen werden. Sie benutzen es zur Jagd. Das Gift
lähmt innerhalb kürzester Zeit das zentrale Nervensystem
des Tiers und tötete es sogar. Nach der Verabreichung dauert
es einen Moment, bis es seine Wirkung entfaltet. Doch das Beste
daran ist, dass der Pilz nicht die geringste Spur im Organismus
hinterlässt. Onkel Patxi kannte sich aus, er hatte es in Guatemala
schon einmal eingesetzt; bei einem aufmüpfigen Politiker, der
nicht mit den Interessen der United Fruit Company übereinstimmte.
Die Autopsie würde nichts ergeben, und niemand würde an
eine Vergiftung denken, zumal die beiden Vorkoster gesund und munter
wären.
Francos Tod würde als plötzliches Ableben in die Geschichte
eingehen, verursacht von einem unerklärlichen Herzstillstand.
Onkel Patxi hatte aus Guatemala ein paar giftige Pilze und das Gegenmittel
mitgebracht, das kurioserweise ein anderer Pilz derselben Familie
war.
Um mich zu beruhigen, nahm Onkel Patxi vor meinen Augen von dem
Gift, wartete ganze acht Minuten und schluckte dann das Gegengift.
Beklommen probierte ich es kurze Zeit später selbst aus. Nichts
war zu merken; mein Körper zeigte keinerlei Reaktion, weder
auf die Einnahme des Gifts noch auf die des Gegengifts.
12
Franco hatte
beschlossen, am darauffolgenden Donnerstag, den 16. August 1962,
im Aranzadi-Hof zu Mittag zu essen.
Die Verschwörer trafen sich am Abend vorher bei Onkel Patxi
in Tolosa, der unverheiratet war und allein lebte. Eigentlich konnte
nichts schief gehen, und ich wäre nur schwer zu enttarnen,
doch für alle Fälle hatten sie mir Instruktionen und Kontaktadressen
für die Flucht nach Frankreich gegeben.
Wir hatten bereits alles besprochen, und das Treffen war mehr ein
symbolischer Akt: ein Toast der sechs Verschwörer, um mir Glück
zu wünschen und auf das Gelingen des Tyrannenmords.
Am nächsten Morgen kam wie immer der Dienstwagen, der meinen
Vater und mich in Alzo abholte, um uns direkt zu dem Gasthof in
Villabona zu bringen.
Franco hatte sich für zwei Uhr mittags angekündigt.
Um Viertel nach eins probierte mein Vater die Gerichte für
den Caudillo: marmitako, Thunfischeintopf, die berühmten kleinen
Tintenfische im eigenen Saft (die man ihm später auf denselben
Tellern im Wasserbad aufwärmen würde), eine Schale Milchreis
und eine Flasche Wein, ein Reserva Marqués de Riscal.
Pünktlich um zwei erschien Franco mit seiner kleinen Gefolgschaft,
die sich abgesehen von der Leibgarde auf drei weitere Tischgenossen
beschränkte: sein anhänglicher Neffe Pacón, Nicolás
Lasarte (der Bürgermeister von San Sebastián) und der
Zivilgouverneur, dessen Namen ich nicht kenne oder nicht erinnere.
Sobald die hohen Herrschaften Platz genommen hatten, betrat ich
zitternd wie Espenlaub den Gaststube.
Ich probierte den Wein und danach den Eintopf.
Ich erinnere mich, dass ich noch dachte, dass der unvergleichliche
kantabrische Thunfisch saftig und bei geringer Hitze genau richtig
gegart war. Es ist eigenartig, was für verrückte Gedanken
einem in Momenten höchster nervlicher Anspannung durch den
Kopf schießen.
In den Pausen zwischen den einzelnen Gängen blieb ich die ganze
Zeit in der Gaststube und wartete darauf, dass die Tintenfische
gebracht würden.
Franco trank ein Drittel von seinem Wein und aß nicht mehr
als fünf Löffel von dem köstlichen Fischsud, von
dem sich Pacón, der stets einen guten Appetit hatte, eine
zweite Portion nahm.
Ich hatte rasendes Herzklopfen, und der zweite Gang wurde aufgetragen.
Man stellte die dampfende Tonschale mit den acht kleinen Tintenfischen,
die jeweils nicht größer waren als ein Daumen und in
einer dickflüssigen schwarzen Soße schwammen, vor ihn
hin, dazu gab es ein Stück frittiertes Brot.
Das Gift in Form einer winzigen gepressten Kugel war in meiner rechten
Hand verborgen, zwischen dem Ringfinger und dem kleinen Finger.
Es kam mir so vor, als beobachte mich der Diktator mit besonderer
Aufmerksamkeit, als ich meine Hand mit der Gabel dem Teller näherte,
so als würde er etwas Ungewöhnliches ahnen; ich dachte,
er würde gleich das Pochen meines Herzens hören.
Ich war kurz davor, die Nerven zu verlieren und senkte den Blick;
ich hielt die Hand dicht über den Teller, rieb einen Finger
gegen den anderen, damit das Kügelchen nicht am Schweiß
haften blieb, und es fiel herunter und tauchte augenblicklich in
die gebundene, aber flüssige Soße ein.
Nicht einmal ein Adler hätte das Manöver registriert.
In der Wärme löste sich das Gift schnell auf, und obwohl
das Kügelchen nicht größer als ein Senfkorn war,
steckte mehr tödliche Kraft darin als in einer ganzen Skorpionfamilie.
Onkel Patxi hatte dafür gesorgt, dass die Dosis nicht zu gering
ausfiel.
Ich nahm das Messer in die linke Hand, schnitt ein Stück Tintenfisch
ab, kaute es ein paar Mal und schluckte mühsam. Als Nächstes
nahm ich einen Löffel, zwang mich unter größter
Anstrengung, die Hand ruhig zu halten, tauchte den Löffel vorsichtig
in die Soße ein (natürlich an der von dem Gift entferntesten
Stelle) und probierte. Franco machte mit seiner rechten Hand eine
mürrische Bewegung, die andere, die bei dem Jagdunfall versehrt
worden war, hielt er kraftlos wie die eines Gelähmten oder
Schlaganfallpatienten an die Brust seines marineblauen Jacketts
gepresst.
Ich durfte mich zurückziehen.
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