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Rosario
Tijeras
Roman
Jorge Franco
Unionsverlag, Zürich
Sommer 2002
Leseprobe:
Die erste ausweglose Situation ergab
sich wenige Monate später, in der Diskothek, in der wir sie
kennen gelernt hatten. Emilio war bereits offiziell Rosarios Freund,
und es machte ihm nichts aus, sie überall herumzuzeigen. Er
war stolz, er führte sie vor als wäre sie eine von denen
aus Monaco. Es kümmerte ihn nicht, was man über sie und
über ihre Herkunft erzählte, und ich begleitete sie stets.
Auch die Drohungen von Ferney und seiner Bande ließen ihn
kalt. Sie drohten ihm, weil er sie ihm weggenommen und ihr, weil
sie sich mit ihm eingelassen hatte. In jener Nacht lauerte einer
von ihnen Rosario bei den Toiletten auf:
Du bist ein Flittchen", sagte der Typ zu ihr.
Halt den Rand, Pato, misch dich da nicht ein", warnte
sie ihn. Möchtest du eine Nase?"
Wie es scheint, blies er ihr alles ins Gesicht, als die das Papierchen
entfaltete, und sie wurde wütend. Sie rieb sich die brennenden
Augen und sah, dass der Kerl noch immer dastand.
Wir wollen das Zeug doch nicht verschwenden, Patico",
sagte sie zu ihm. Leck mir das Gesicht ab, und dann gib mir
ein Küsschen auf den Mund, mit der Zunge."
Patico verstand Rosarios Benehmen nicht, aber um sich schadlos zu
halten, gehorchte er ihr. Dort, wo er mit der Zunge über die
Wangen, die Nase und die Wimpern fuhr, hinterließ er eine
feuchte Spur in dem weißen Pulver. Dann, wie sie ihn befohlen
hatte, glitt er zu ihrem Mund, streckte die Zunge heraus und reichte
den bitteren Geschmack an Rosario weiter. Währenddessen hatte
sie da Schießeisen aus der Tasche genommen und hielt es ihm
an den Bauch, und nachdem sie ihm sorgsam die Zunge abgeleckt hatte,
drückt sie ab.
Du solltest etwas mehr Respekt zeigen, Patico", war das
Letzte, was der Kerl hörte. Sie steckte die Pistole ein und
kam ganz ruhig an unseren Tisch. Lasst uns gehen, ich finds
langweilig."
Aus den Toiletten drang Aufruhr, weil sie einen Toten entdeckt hatten.
Ferney und seine Bande gerieten ziemlich in Rage. Sie schrien herum,
zückten ihre Waffen, und einer von ihnen zeigte auf Rosario.
Emilio und ich schauten uns an, Rosario ließ sich nichts anmerken,
während sie ihre Lippen schminkte.
Lass uns von hier abhauen, Emilio", sagte ich, ich
finds auch langweilig."
Als wir hinausstürmten, merkte ich, dass Kugeln an uns vorbeiflitzten.
Rosario zückte erneut ihre Waffe und erwiderte das Feuer. In
Panik rannten die Leute schreiend und hysterisch davon. Ich weiß
nicht, wie wir es zum Wagen schafften, ich weißt nicht, wie
wir von dem Parkplatz runterkamen, ich weiß nicht, wie wir
überhaupt lebend davonkamen.
Als wir zu Hause waren, erzählte Rosario uns alles.
Du hast was!?", fragte Emilio ungläubig.
Ja, sie hatte ihn vor unserer Nase umgelegt, sie gestand es ein
und zeigte keinerlei Reue. Sie sagte, dass er nicht der Erste und
nicht der Letzte gewesen sei.
Jeder, der mich mies behandelt, kriegt seine Quittung."
Wir konnten es nicht glauben, und vor Schreck und Staunen heulten
wir. Emilio war so verzweifelt als wäre er selbst der Mörder.
Er bearbeitete die Möbel mit Fußtritten, schluchzte und
hieb mit der Faust auf die Türen ein. Mehr als das Verbrechen
selbst brachte ihn aus der Fassung, dass Rosario kein Traum war,
sondern Wirklichkeit. Natürlich war er nicht der Einzige, der
ernüchtert war.
Ich fass es nicht!", sagte sie zu uns. Da bin ich
mit zwei solchen Hosenscheißern unterwegs!"
In jener Nacht dachte ich, das wars mit Rosario. Ich täuschte
mich. Ich habe keine Ahnung, wie sie es schaffte, dass sie für
den Toten nicht bezahlen musste. Wir konnten nie genau bestimmen,
in welchem Augenblick wir den Traum hinter uns ließen und
zu einem Teil des Alptraums wurden.
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