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Als
wäre alles erst gestern gewesen
Roman
Antonio Dal Masetto
Rotpunktverlag, Zürich
2008
Leseprobe:
Manchmal
sage ich mir, dass jemand, der noch nie einen Walnussbaum gesehen
hat, gar nicht weiß, was ein Baum ist. Ganz am Ende unseres
Grundstücks, noch hinter den sechs Rebstockreihen und den Mastixbäumen,
stand einer. Er war groß und stark, und durch sein Laub hindurch
konnte man die verschneiten Bergkuppen sehen. Auf einer Leiter stehend,
die an den Stamm gelehnt war, rüttelte mein Vater mit einer
Stange kräftig an den Ästen. Er rief mich, damit ich den
Korb brachte und die Walnüsse einsammelte. Ein seltsamer Mensch,
mein Vater. Er starb, als ich achtzehn war, und nie habe ich ihn
lachen sehen. Einmal meinte ich, ich hätte ihn hinter einer
Tür weinen hören. Das war, nachdem drei Faschisten ihn
verprügelt hatten. Aber sicher war ich mir nicht.
Er lachte nie und war sehr schweigsam. Vielleicht ist darum ein
häufig wiederkehrendes Bild das aus jener Gewitternacht, in
der sich mein Vater das einzige Mal mir und meinem Bruder gegenüber
gesprächig gezeigt hatte.
Die Fabrik, in der er arbeitete, hatte ihn beauftragt, im Palazzo
auf der Isola Bella Rohrleitungen zu verlegen. Jeden Tag fuhr er
mit dem Fährboot hinüber und kam abends so gegen zehn
wieder nach Hause. Eines Abends kam er nicht zur gewohnten Zeit.
Es wurde elf, es wurde zwölf. Wir fragten uns, was passiert
sein mochte, und beschlossen, aufzubleiben und zu warten. Ich hatte
schon mehrmals den Topf aufs Feuer gestellt und wieder heruntergenommen.
Es regnete, und wir hörten den Wind in den Bäumen rauschen.
Wir sprachen nicht viel, saßen im Kerzenlicht da und lauschten.
Ab und zu ging mein Bruder hinaus, rannte über den Hof und
spähte die Straße hinunter. Dann kam er zurück und
sagte:
„Nichts zu sehen.“
Ich fragte:
„Und wenn er nicht kommt?“
Er legte noch ein Holzscheit in den Ofen und antwortete mir nicht.
Das Gewitter wurde schlimmer. Auf einmal gab es draußen einen
lauten Krach. Carlo öffnete vorsichtig die Tür, sah hinaus
und sagte mir, dass ein Ast am Birnbaum abgebrochen sei. Es wurde
immer später. Ich spielte mit der Kerze, ging so nah wie möglich
mit dem Gesicht an sie heran, spähte durch die Flamme hindurch,
sah, wie der Docht herunterbrannte, das Wachs zerfloss und wieder
fest wurde. Es liebte dieses Spiel, und ich konnte Stunden damit
verbringen, gebannt dem Tanz und der Arbeit des Feuers zuzuschauen.
Schon öfter hatte ich mir die Haare versengt, weil ich zu nah
herangegangen war. Wenn ich in die Flamme blickte, brauchte ich
nicht zu denken.
Es war schon nach zwei, als die Tür aufging und mein Vater
hereinkam. Seine Blässe und sein Gesichtsausdruck trafen mich.
Er grüßte, nahm den durchnässten Umhang und den
Hut ab, zog sich trockene Kleider an und setzte sich dann hin, um
seinen Teller Suppe zu essen. Wir setzten uns gegenüber, ohne
Fragen zu stellen. Während die Minuten verstrichen, ahnte ich
trotz der Stille, dass diese Nacht eine besondere Bedeutung hatte,
so als hätte es in der Distanz, die stets zwischen uns geherrscht
hatte, eine Zäsur gegeben. Ich beobachtete seine langsamen
Bewegungen und wagte es sogar, ihn direkt anzuschauen. Ich erinnere
mich an die ernste Miene meines Vaters, das Heben und Senken des
Löffels, das Flackern der Kerze und die gespannte Atmosphäre.“
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