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Chamäleon
Cacho
Roman
Raúl Argemí
Unionsverlag, Zürich
2008
Leseprobe:
Jeder,
der schon einmal in einem Krankenhausbett erwacht ist, ohne zu wissen,
wie er dorthin gekommen ist, wird verstehen, wie ich mich fühlte.
Jeder, der schon einmal die Augen in diesem betäubten Zustand
aufgeschlagen hat, mit dem Schmerzmittel jedes lebendige Empfinden
auslöschen, weiß, wovon ich spreche.
So erwachte ich; ohne Körpergefühl und mit einem dumpfen
Bewusstsein, das über dem reglosen Körper schwebte, ohne
sich zur Landung durchringen zu können. Dazu die Geräusche
eines gedämpften Streits in den Ohren und den vagen Eindruck,
einen Blitz gesehen zu haben.
Ein Adrenalinschub und eine sanfte Panik halfen mir, den Blick scharf
zu stellen, und es gelang mir, den Fotografen zu sehen, der von
einer Krankenschwester aus dem Zimmer geschubst wurde.
„Journalisten...“, dachte ich und musste die Augen wieder
schließen, weil sich das Zimmer zu drehen begann.
Auf einmal sah ich ihn,
als hätte ich ihn direkt vor mir. Lustlos stocherte er in den
Lammrippchen auf seinem Teller und schnitt kleine Stücke ab,
die er so lange in einzelne Fleischfasern zerteilte, bis ihm wieder
einzufallen schien, warum wir dort saßen, dann schluckte er
sie ohne zu kauen hinunter. Es hatte etwas Zwanghaftes. Die Worte
flogen wie ein Tischtennisball hin und her.
„Das Leben eines Journalisten bedeutet, Scheiße anzuhäufen,
bis man daran erstickt. Und als Dank dafür gibt’s einen
Tritt in den Hintern...“
Sie hatten zwei große Bier bestellt, nachdem sie angehalten
hatten, um etwas zu essen. Einer von den beiden kehrte gleich wieder
zum Wagen zurück, der unter ein paar Scheinbuchen stand, um
eine halbvolle Flasche Whisky zu holen.
Jeder leerte sein Bier in einem Zug. Es war ein langer ermüdender
Tag gewesen.
„Es war ein langer Tag. Ziemlich lang und ermüdend...“
„Wem sagst du das...“
„Irgendwie muss man sich ja entspannen...“
Ein Gespräch entspann sich und versiegte wieder im Rhythmus,
in dem wir das Bier tranken. Der eine sagte, dass man dieses Getränk
Mestize nenne, und der andere fügte hinzu, dass es an der arischen
Reinrassigkeit liegen müsse und bestellte noch ein Bier.
Er redete mit der typischen Routine eines Betrunkenen, der an Monologe
gewöhnt war und schien den Verlauf seines Schicksals zu korrigieren,
indem er mit der Gabel Kurven in die Luft malte. Ich hörte
zu. Wir brauchten uns nun mal gegenseitig.
„Das Leben ist eine große Scheiße, Kumpel.“
Er sagte es mit einer solchen Überzeugung, dass ich in der
Erwartung den Blick hob, ihn einen Revolver ziehen und sich mit
einer Kugel den Kopf wegpusten zu sehen; doch er verharrte einen
Moment lang mit ausgestrecktem Zeigefinger, der zum Himmel zeigte,
und ich meinte diese Geste zu kennen, sie an mir selbst schon so
oft gesehen zu haben.
„Das Leben ist ein Irrtum, Kumpel...“
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