Bordell der Toten
7 Monologe

Carlos Eugenio López
Kein & Aber, Zürich
2007

Leseprobe:

Familienbande

Ich weiß ja, dass das, was wir da mit unserem Vater machen, nicht richtig ist. Vater möchte sterben. Ist ja nur zu verständlich; ich an seiner Stelle würde auch sterben wollen. Jeder würde das wollen. Wer will schon so vor sich hin vegetieren? Aber man muss sich mal in unsere Lage versetzen: Bei uns bringt nur einer ein Gehalt nach Hause, und solange die Kinder keine Arbeit haben, können wir auf seine Rente nicht verzichten.
Vater denkt, dass wir ihn an den Bettpfosten gefesselt haben, weil wir ihn nicht mehr richtig lieb haben. Im Alter ist das so; die Leute bekommen auf einmal merkwürdige Anwandlungen. Wenn das der Grund wäre, hätten wir auch Mutter an den Bettpfosten gefesselt. Aber sie haben wir sterben lassen, als sie es wollte. Sie musste nur andeuten, dass sie die Arthritis nicht mehr ertragen kann, und wir haben sie Mitte Januar der Kälte ausgesetzt. Zwei Stunden später war sie friedlich eingeschlafen.
Aber mit Vater können wir das nicht machen. Vater muss jedes Jahr eine Lebensbescheinigung ausfüllen. Und wie es das Wort ja schon sagt, bekommt ein Toter diese nicht. Ohne Leben also keine Lebensbescheinigung, und ohne Lebensbescheinigung keine Rente. Und ohne Rente müssten die Kinder als Kurierfahrer arbeiten oder als Pizzalieferant, weil wir sonst die Rechnungen nicht bezahlen könnten.
Das versuche ich unserem Vater klarzumachen.
„Nicht, dass wir dich nicht lieb hätten“, erkläre ich ihm, „es ist nur gerade nicht der richtige Moment zum Sterben. Versteh doch, eine Weile musst du schon noch durchhalten.“ Die Kinder werden schon irgendwann eine passende Arbeit finden. Sie haben es wirklich verdient, und auch wenn es nicht so aussehen mag, weiß ich genau, dass sie sich wirklich Mühe geben. Es ist ihnen einfach peinlich, zu zeigen, wie sehr sie sich anstrengen, weil sie denken, dass Vater und ich dann noch frustrierter wären, weil wir mit ansehen müssen, wie es einfach nicht klappt.
Viele meinen ja, dass die jungen Leute heutzutage nur an sich denken, aber im Grunde sind sie ganz schön empfindlich; wenn man da nicht aufpasst, bekommen sie am Ende noch Komplexe. Vater sieht nur, dass Ignacio den ganzen Tag nichts anderes als Tennis im Sinn hat und Luis Enrique Abend für Abend auf Kneipentour geht, bestimmt hält er sie für Rumtreiber und Taugenichtse, um ein paar von diesen altmodischen Begriffen zu nennen, die er immer verwendet hat, solange er noch sprechen konnte. So ist das aber nicht. Er kann wirklich Stolz auf seine Enkel sein. Was sollen sie denn machen, wenn sich auf jede Stellenanzeige vierhundert Leute bewerben? Etwa zuhause bleiben und Trübsal blasen?
Vater hatte es viel einfacher. Mit vier Anarchisten, die er an der Front am Ebro erwischt hat, hat er sich eine Zukunft aufgebaut.



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