Blut und Spiele
Roman

Antonio Dal Masetto
Rotpunktverlag, Zürich
2007

Leseprobe:

Ein blonder Junge kam herein. Er war groß, doch sein Gesicht verriet, dass er nicht älter als fünfzehn oder sechzehn war.
„Warum hast du so lange gebraucht?“, fragte er.
„Ich war hinten in dem kleinen Zimmer“, sagte sie.
„Was soll das Kleid?“
„Ich habe es anprobiert. Ich muss es ändern.“
„Wer war hier?“
„Niemand. Wer soll schon hier gewesen sein?“
Der Junge gab ihr eine Ohrfeige. Es klatschte laut. Das Fräulein Benavídez fasste sich ans Gesicht.
„Weshalb schlägst du mich?“
„Sag mir, wer hier war.“
„Niemand.“
Noch eine Ohrfeige.
„Wo ist er?“
„Wer?“
„Der Typ vom Film.“
Sie zögerte.
„War er da oder nicht?“
„Er war ein paar Minuten hier.“
„Du hast ihn hereingebeten.“
„Nein, habe ich nicht.“
„Er ist hereingekommen.“
„Ist er nicht. Ich habe ihn an der Tür abgefertigt. Er hat mir ein paar Fragen gestellt und ist wieder gegangen.“
Der Junge ging durch das Wohnzimmer und sah sich misstrauisch in alle Richtungen um. Dann verschwanden beide. Muto nahm an, dass sie das Haus durchsuchten. Sie kehrten zurück und betraten die Küche, der Blonde vorneweg, gefolgt von Julia Benavídez. Der Blonde öffnete ein Fenster und sah hinaus in den Garten. Er schloss es wieder und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Du lügst mich an!“, schrie er.
„Ich schwöre dir, es ist die Wahrheit.“
„Lügnerin.“
„Ich lüge nicht. Weshalb sollte ich dich anlügen?“
Der Blonde überlegte. Das Fräulein Benavídez sagte nichts und sah ihn nur an. Muto hatte Zeit darüber nachzudenken, wie seltsam es war, sich in derselben Situation zu befinden wie der Bankräuber.
„Bring eine Schere“, befahl der Blonde.
„Wozu eine Schere?“
„Mach schon.“
Sie öffnete eine Schublade und reichte sie ihm. Der Blonde nahm einen Stuhl und stellte ihn vor die Abstellkammer, in der Muto sich befand.
„Setz dich.“
Das Fräulein Benavídez gehorchte. Der Blonde stellte sich hinter sie und klapperte mit der Schere, indem er sie ein paar Mal öffnete und schloss, und fing an, ihr die Haare zu schneiden.
„Tu mir das nicht an“, bettelte das Fräulein Benavídez.
Sie wandte den Kopf nach ihm um. Der Blonde rückte ihn mit einer groben Bewegung wieder gerade und schnitt weiter.
„Warum tust du mir das an?“, schluchzte sie.
Doch sie rührte sich nicht. Mit den Händen im Schoß saß sie still da. Der Junge arbeitete langsam und präzise. Er nahm eine Haarsträhne, zog sie nach oben, um ihre Länge festzustellen, betrachtete sie eine Weile, schnitt sie dann am Ansatz ab und ließ sie zu Boden fallen. Bei jedem Schnitt fragte er:
„Gefällt dir das? Gefällt dir das so?“
Sie wiederholte: „Warum tust du mir das an? Hör auf, Mario, bitte, hör auf.“
Muto schien es, als hätte der Blonde ein paar Mal zu dem Vorhang geblickt. Er sagte sich: „Er weiß, dass ich hier bin, er spielt Theater, diese Inszenierung ist für mich gedacht.“



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