Der süße Duft des Todes
Roman

Guillermo Arriaga
Unionsverlag, Zürich
Frühjahr 2001

Leseprobe:

Adela

1

Ramón Castaños wischte den Staub vom Tresen, als er in der Ferne einen durchdringenden Schrei hörte. Er spitzte die Ohren und vernahm nichts weiter als die morgendlichen Geräusche. Er dachte, es sei das Jaulen eines der vielen Schreivögel gewesen, die sich auf dem Berg tummelten. Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu, nahm ein Regalbrett und fing an, es abzuwischen. Wieder erklang ein Schrei, diesmal ganz in der Nähe und deutlich vernehmbar. Und diesem Schrei folgten noch einer und noch einer. Ramón legte das Regalbrett zur Seite und sprang mit einem Satz über den Tresen. Er trat vor die Tür, um zu sehen, was los war. Es war ein früher Sonntagmorgen, und niemand war auf der Straße, aber die Schreie kamen von Mal zu Mal schriller und durchdringender. Er ging bis zur Straßenmitte, und in der Ferne sah er drei kleine Jungen näher kommen, die im Laufen schrien: „Eine Tote... eine Tote..." Ramón ging ihnen entgegen. Er versperrte einem von ihnen den Weg, während die beiden anderen zwischen den Häusern verschwanden. „Was ist passiert?", fragte er ihn. „Sie haben sie umgebracht... sie haben sie umgebracht...", kreischte der Junge. „Wen? Wo?" Ohne ein Wort zu sagen, drehte sich der Bengel um und lief zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Ramón folgte ihm. Sie rannten den Pfad entlang, der zum Fluss führte, bis sie auf ein Hirsefeld stießen. „Dort", stieß der Junge aufgeregt hervor, und mit seinem Zeigefinger wies er auf einen der Feldränder. Zwischen den Furchen lag die Leiche. Ramón ging langsam näher, während ihm bei jedem Schritt das Herz im Halse klopfte. Die Frau lag nackt mit dem Gesicht zum Himmel in einer Blutlache. Kaum hatte er sie gesehen, konnte er den Blick nicht mehr abwenden. Mit seinen sechzehn Jahren hatte er schon mehrmals davon geträumt, eine nackte Frau anzuschauen, aber nie hatte er sich vorgestellt, sie so vorzufinden. Eher erstaunt als lüstern glitt sein Blick über die zarte und reglose Haut: Es war ein junger Körper. Mit den seitwärts ausgestreckten Armen und einem leicht angewinkelten Bein schien die Frau eine letzte Umarmung zu verlangen. Das Bild erschütterte ihn. Er schluckte schwer und atmete tief. Er bemerkte den süßlichen Blumenduft eines billigen Parfüms. Ihm war danach zumute, der Frau die Hand zu reichen, ihr aufzuhelfen und ihr zu sagen, dass sie aufhören solle, sich tot zu stellen. Sie lag noch immer nackt und reglos da. Ramón zog sein Hemd aus – sein Sonntagshemd – und bedeckte sie, so gut er konnte. Als er noch näher kam, erkannte er sie: Es war Adela, und sie war von hinten erstochen worden.

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