 |
Dein
Anteil daran
Erzählungen
Josan Hatero
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
Frühjahr 2005
Leseprobe:
Es kam der Tag, an dem er den Verdacht
nicht mehr los wurde, daß er nicht allein lebte.
Es kam der Tag, an dem sich das, was er anfänglich für
eigene Zerstreutheit gehalten hatte, für die Unaufmerksamkeit
eines gelangweilten Junggesellen in seiner ersten eigenen Wohnung,
in eindeutige Hinweise auf ein fremdes Leben verwandelte, das zwar
den Wohnraum mit ihm teilte, aber nicht zur selben Zeit; das während
seiner Abwesenheit an seine Stelle trat.
Es war ein Freitag. Diesmal handelte es sich nicht um den Fernseher
oder das Radio, die noch liefen, und von denen er hätte schwören
können, daß er sie ausgeschaltet hatte, bevor er ins
Büro gegangen war; es handelte sich nicht um eine angebrochene
Flasche Wein, die entkorkt zu haben er sich nicht erinnern konnte;
es handelte sich nicht um eine Lampe, die vielleicht nicht ausgeknipst
worden war; es handelte sich nicht um Gegenstände, die in dem
lieblos ausgestatteten Wohnzimmer auf einmal an einem anderen Platz
lagen; es handelte sich nicht um den Duft nach Mädchen und
Shampoo, nach denen das zweisitzige Sofa roch. Es handelte sich
nicht um das lange Haar, das sich im Abfluss des Waschbeckens kringelte,
ein langes dunkles Haar, das er vielleicht an seiner Kleidung in
die Wohnung getragen hatte. Diesmal war es ein angebissener roter
Apfel – ein Biss mit Beweiskraft, sollte er später denken.
Das konnte keine Gedächtnislücke sein, um die Einsamkeit
auszutricksen; er war allergisch gegen Äpfel.
Er trat auf den schmalen Balkon; niemand konnte dort hinaufklettern
oder von oben herabspringen. Dann nahm er den Apfel zwischen zwei
Fingern, hielt ihn auf Augenhöhe und begutachtete ihn im Licht
einer biegsamen Schreibtischlampe wie ein Polizist im Film. Es war
ein willkürlicher, zarter Biss. Er ging ins Schlafzimmer, zog
die Schuhe aus und legte sich aufs Bett. Jemand – die Intuition
sagte ihm, daß es sich um eine einzelne Person handelte –
kam in seine Wohnung, wenn er nicht da war. Jemand, der nichts stahl,
keinen Schaden anrichtete und, was am überraschendsten und
beunruhigendsten war, den es nicht kümmerte Spuren zu hinterlassen.
Vielleicht sollte er das Schloß auswechseln, dachte er.
Er verpackte den Apfel luftdicht in einer Plastiktüte und legte
ihn, sichtbar, in den Kühlschrank.
|