Abgesoffen
Dialogroman

Carlos Eugenio López
Kein & Aber, Zürich
2006

Leseprobe:

„Keine Ahnung, wirklich.“
„Denk ein bisschen nach, verdammt. Ich hab’s dir doch schon hundertmal erzählt.“
„Du kannst es mir noch so oft erzählt haben, ich erinnere mich nicht mehr.“
„Du hörst eben nicht zu.“
„Nein, ich kann mich einfach nur nicht daran erinnern.“
„Makedonier, verdammt, Makedonier. Alexander der Große war Makedonier, und sein Vater hieß Philipp. Daran musst du dich doch erinnern.“
„Jetzt, wo du’s sagst...“
„Siehst du? Du bist einfach nicht bei der Sache.“
„Es geht mir eben die ganze Zeit im Kopf herum.“
„Wieder?“
„Was denkst du, wie viele es in der Zwischenzeit sind?“
„Fünfzehn... zwanzig vielleicht.“
„Neunundzwanzig.“
„Echt so viele?“
„Ich habe nachgerechnet.“
„Dann sind es eben so viele.“
„Einer pro Woche seit April.“
„Hätte nicht gedacht, dass es so viele sind.“
„Ich auch nicht. Ich habe die Wochen gezählt. Die Idee kam mir beim Rasieren.“
„Das war blöd; daran rührt man besser nicht.“
„Das kann man nicht immer selbst bestimmen.“
„Bis zu einem bestimmten Punkt vielleicht.“
„Neunundzwanzig... Meine Herrn! Hättest du dir das vorstellen können, als wir damit angefangen haben?“
„Darum geht es nicht. Ich denke einfach nicht darüber nach. Einer muss es eben machen und Punkt.“
„Aber es ist nicht dasselbe wie bei einer Bank oder in einem Café zu arbeiten.“
„Kommt auf die Perspektive an. Jemand, der bei einer Bank oder im Café arbeitet, hat bestimmt auch mal einen Durchhänger. Alles hat seine guten und seine schlechten Seiten. Wenigstens hat man bei dieser Sache eine Menge Freizeit.“
„Zu viel.“
„Warum zu viel?“
„Man denkt noch mehr über alles nach.“
„Beschäftige dich doch nicht immer mit demselben Kram. Sei offen, Junge, mach’s wie ich, lies was, bilde dich, schau mal über deinen Tellerrand hinaus.“
„Ich bin wohl schon ein bisschen zu alt, um die Schulbank zu drücken, meinst du nicht?“
„Das ist keine Frage des Alters. Die Frage ist, ob du neugierig bist oder nicht. Ob es dich interessiert, dass Alexander den Weg nach Indien gefunden hat oder nicht... Interessiert es dich denn?“
„Na ja...“
„Überleg doch mal.“
„Ich weiß nicht recht.“
„Wenn man sich das richtig überlegt, ist das der Hammer, Mann. Indien!“
„Hör schon auf damit.“
„Findest du das schwachsinnig?“
„Nein. Bestimmt ist das ein Hammer. Aber wir müssen ausgeruht ankommen. Warum machst du nicht ein Nickerchen?“
„Mit dem Toten im Kofferraum habe ich Hemmungen.“
„Dazu besteht kein Grund.“
„Das will ich gar nicht abstreiten. Aber ich finde es irgendwie respektlos zu schlafen.“
„Schwieriger war es, ihn umzubringen. Alles andere ist nicht mehr so wichtig.“
„Das hängt von der Persönlichkeit ab. Den Toten siebenhundert Kilometer mit dem Auto durch die Gegend zu kutschieren, fällt mir immer noch am schwersten.“
„Mehr als ihn zu töten?“
„Das kann man nicht vergleichen... Wenn man sie wenigstens bei Tag wegschaffen könnte...“
„Sie wären genauso mausetot.“
„Aber es ist ein anderes Gefühl.“

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